Noch mehr Edelmetall

Bevor ich Euch erzähle, wie es mir in der Herz-/Kreislauf-Reha ging …

Anlässlich der Olympischen Spiele in Italien habe ich mir Gedanken gemacht, wie ich selbst zu noch mehr Edelmetall kommen könnte.
Skispringen? Eher nicht.
Buckelpiste? Sicher nicht.
Eiskunstlauf? Nur wenn Stürze Punkte bringen.
Skeleton? Ich bitte Euch.

Einzig als Mittelsitzer im Viererbob hätte ich dank meiner legendären Sprintfähigkeiten – und vor allem wegen meines für den Hangabtrieb durchaus förderlichen Gewichts – Chancen gesehen.
Leider bin ich weder schnell noch schwer genug für Bob Deutschland 1.
Und für Bob San Marino fehlt mir der Pass.

Also entschied ich mich für einen anderen Weg zu Metall:
den nächsten Eingriff, um die von John Marlboro und Joe Camel über Jahre liebevoll verursachten Verstopfungen meiner Arterien beseitigen zu lassen.

Für alle, die sich jetzt genüsslich eine anstecken:
Neben ein paar Nebensächlichkeiten wie Stress und suboptimaler Ernährung trägt Nikotin ganz wesentlich dazu bei, dass unsere Blutwege langsam zu Sackgassen werden.

Fünf Stents zieren inzwischen das beste Herz von allen.
Und die Untersuchungen ergaben für beide Oberschenkelarterien ein Bild, das selbst einem Radiologen die Faschingslaune verdirbt:
links rund zehn Zentimeter teilweiser Verschluss,
rechts noch ein paar Zentimeter mehr – dort dafür komplett dicht.

Diese Engstellen entstehen schleichend.
Mit etwas Pech kommt zuerst der Infarkt.
Mit Glück – wie bei mir – die sogenannte Schaufensterkrankheit. (Googeln lohnt sich. Test machen auch.)


Rosenmontag in der Klinik

Beim Einrücken in die Klinik am Rosenmontag freute sich das Empfangspersonal über meinen neuerlichen Besuch.
Die Herzakte war noch warm, da durfte man schon eine neue anlegen.

„Rechtes oder linkes Bein?“
Meine Antwort war stets dieselbe:
„Warten wir auf den Doc. Der soll entscheiden.“

Blutabnahme. EKG. Essensplan.
Und dann: warten.
Auch in einer Privatklinik.

Dann erschien der Radiologe.
Wenn es ein menschliches Abbild von Kompetenz gepaart mit Empathie gibt – dann dieser Mann.
„Morgen gegen elf. Linke Seite. Ganz locker. Stich in die Leiste, ein wenig arbeiten, dann haben wir es. Die Vor- und Nacharbeit im OP dauert länger als der Eingriff.“

„Wurden Sie bereits vorbereitet?“
Äh … nein.


Vorbereitung südamerikanischer Art

Die Vorbereitung übernahm eine Krankenschwester kolumbianischer Herkunft.
Kein Deutsch. Kaum Englisch.
Aber Enthusiasmus.

„Ganz ausziehen?“
„Si, si.“

Der elektrische Rasierer nahm Fahrt auf.
Scham wich Respekt.
Respekt wich Sorge.

Der Venenweg wurde zur Geduldsprobe.
„Problemos … Problemos …“
Links nix gut. Rechts nix gut.

15 Minuten, mehrere Nadeln und ein südamerikanisches Lächeln später saß der Zugang erstaunlich stabil.
Mein Vorschlag, zur Beruhigung ein „Los Injektionos“ oder wenigstens ein Corona zu reichen, blieb unerhört.
Nicht einmal am Desinfektionstupfer durfte ich schnuppern.


Nüchternheit als Extremsport

05:30 Uhr.
„Nüchtern bleiben.“
„Nein, auch kein Wasser.“
„Nicht einmal ein zuckerfreier Kaugummi.“
„Für Ihre Medikamente ein kleiner Schluck.“

Danach: warten.
Und Durst haben.

Um zwölf ging plötzlich alles schnell.
Ich wurde beim Ganglauf – einer olympischen Disziplin zwischen Slalom und Marathon – ertappt.
„Sofort nackig machen. OP-Kittel. Sie können jederzeit abgeholt werden.“

Hinten offen. Militärischer Gehorsam. Ab ins Bett.


Faschingsdienstag – Metallverleihung

Im OP wurde ich wie ein Stammgast empfangen.
Ich stellte mir vor, wie ich selbst einen Liter Jod auf die Leiste pinsle und den Draht einführe.
In Wirklichkeit erledigten das Menschen mit ruhiger Hand.

Das Setzen des Zugangs, das Aufblasen des Ballons, das Platzieren des Stents –
es zwickt, es brennt, es sticht.
Aushaltbar.
Aber nichts, was man wöchentlich buchen möchte.

Eine Stunde später war alles vorbei.
Dann folgten 24 Stunden Rückenlage, ein Druckverband, der meine Taille auf das Maß einer französischen Adligen reduzierte,und ein Sandsack, der mir erklärte, wer hier wirklich Druck macht.


Nacht, Vanillekrapfen und Hoffnung

Die Nacht war unerquicklich.
Schmerz, Lage, Unruhe.

Dann – die besten Mädchen von allen.
Verkleider für Faschin, bewaffnet mit Vanillekrapfen und Käsestangen.
Plötzlich war selbst Bettruhe ein Ereignis.

Nach einer schier unendlichen Nacht und einem noch längeren Tag durfte ich um 14:00 Uhr wieder aufstehen.
Beim Abschied ermahnte mich die Oberwächterin, mich zu schonen –
und mich auf den Eingriff im April gut vorzubereiten.

Was die Rasur betrifft, habe ich diesen Vorsatz bereits gefasst.

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