Das Herz bekommt Besuch

Ein Einzelzimmer in einer Privatklinik ganz für sich zu haben ist – besonders wenn die erste Aufregung noch in den Knochen steckt und die Bewegungsfreiheit überschaubar ist – wirklich ein Luxus.

Was mich allerdings wunderte: Die ausnehmend netten Krankenschwestern tauchten in erstaunlich kurzen Abständen auf, maßen Blutdruck und Puls und fragten auffallend oft wie es mir denn gehe.
Den Schmerztabletten sei Dank hielt ich mich kurzerhand für einen besonders wichtigen Patienten. VIP eben.

Als die Wirkung der Pillen (leider) nachließ und keine neuen mehr kamen, wurde mir klar: Die echten VIPs liegen ein Stockwerk höher. Für diese Fürsorge musste es also einen anderen Grund geben.

Jeder Wunsch nach Bewegung oder sonstiger Zerstreuung wurde freundlich weggelächelt. Selbst der Hinweis, dass ich seit Stunden horizontal gelagert werde und es mir gut gehe, prallte ebenso ab wie mein angeborener „zwiderer Charme“.

Dann passierte etwas, das ich mir selbst nicht hätte ausdenken können: Schichtwechsel.
Die neue Pflegekraft betrat den Raum – und mein noch leicht vernebeltes Gehirn schlug Alarm.
„Augen, das kann nicht sein. Nochmal hinschauen!“
Die Augen bestätigten. Also durfte auch das Sprachzentrum ran:
„Dober dan, kako si?“ – fast akzentfrei.

Ich hatte keine Vollnarkose bekommen, mein Herz live bei der Arbeit beobachtet und war ziemlich sicher, dass niemand an meinem Gehirn operiert hatte. Trotzdem sprach ich plötzlich Kroatisch.
Die Dame war ebenso überrascht wie erfreut. Erstens stammte sie tatsächlich aus dem ehemaligen Jugoslawien, zweitens hatte sie vor Jahren an einer Wertpapier-Schulung von mir teilgenommen.

Man merkt: Es ist äußerst hilfreich, wenn man in früheren Leben nett zu Menschen war – besonders, wenn man bewegungsunfähig verkabelt daliegt. Offenbar hatte ich mir als Trainer keinen allzu schlechten Ruf erarbeitet.

Trotzdem blieb sie auffallend reserviert und verabschiedete sich mit einem schnellen „Ich bin gleich wieder da“.
Ihre Kollegin übernahm die Messungen und erinnerte mich erneut daran, bitte ruhig liegen zu bleiben.

Kurz darauf erschien der Operateur, strahlend. Der Eingriff sei sehr gut gelungen, wenn auch aufgrund massiver Verengungen und meines etwas ambitionierten Blutdrucks durchaus herausfordernd. Ich hätte mich wacker geschlagen, solle mich jetzt ausruhen – er komme am nächsten Tag wieder. Samstag. Und weg war er.

Wenig später kehrte meine ehemalige Kollegin zurück. Jetzt, da der Doktor weg sei, hätte sie Zeit zum Plaudern – vorausgesetzt, es gehe mir gut…
Nach der zehnten vorsichtigen Anspielung auf meinen Zustand dämmerte selbst mir, dass hier etwas nicht ganz alltäglich war.

Zögerlich, dann offen, erklärte sie mir, dass die Station „ein wenig besorgt“ sei.
Sätze wie
„Das war ein mutiger und beherzter Eingriff, den nicht jeder zu Ende geführt hätte“
und
„Eine zusätzliche Nacht bleibst du sicher noch – zuerst bringen wir deine Werte wieder in die Norm“
blieben mir besonders im Gedächtnis.

VIP-Service war es also doch.
Nur anders als gedacht.

Gerade als ich begann, mich mit meinem neuen Status als „interessanter Patient“ anzufreunden, kündigte sich Besuch an. Die beste Ehefrau von Allen mit den beiden Abbildern von ihr. HURRA.
Allein das Wort Besuch ließ in meinem Kopf Hoffnung auf Normalität aufkeimen. Und tatsächlich: Sie kam nicht mit Blumen. Sie kam mit guten Sachen. Was? Sagen wir so: Ernährungsberater hätten Schnappatmung bekommen.
Ein paar ausgesuchte Kleinigkeiten, die in keiner Herzstation dieser Welt offiziell genehmigt sind, aber dafür hervorragend für die Seele wirken. Schokolade, irgendetwas Knuspriges, irgendetwas mit Zucker – also quasi ein therapeutisches Gesamtpaket.

Meine Frau stellte die Beute auf den Tisch, sah mich an, sah in meine Seele, sah mich wieder an und sagte nur:
„Du schaust eigentlich eh ganz gut aus.“ (Ein Mann der verheiratet ist und Kinder mit dieser Frau hat kann das übersetzten: Du überlebst das und ich kann mir nicht vorstellen, dass das auch nur im Geringsten mit einer der Geburten zu vergleichen ist…)

Ich wollte gerade beherzt zu den Süssigkeiten greifen, als sie sich leicht nach vorne beugte und flüsterte:
„Iss das lieber später. Falls wer reinkommt.“

In diesem Moment wurde mir endgültig klar, dass ich nicht nur medizinisch in den besten Händen war, sondern
auch was die langfristige Genesung betrifft – denn nichts beschleunigt den Heilungsprozess so sehr wie eine Frau, die weiß was einem Mann gut tut.


Hinterlasse einen Kommentar