Das Herz kommt ins Zimmer

.…ein wenig müde war ich schon, als man mich ins Krankenzimmer schob.

Ich kann mich nicht erinnern, jemals so eine geballte Sammlung von Aufregung, Schmerz, Stress und Emotionen an einem einzigen Tag untergebracht zu haben. Das beruhigende Gefühl, dass es geschafft war, der Eingriff laut Operateur zwar schwer, aber sehr gut verlaufen ist, die warme Decke über mir und der nach hinten offene OP-Kittel an mir – all das ließ den Druck am Handgelenk fast vergessen.

Fast.

Denn bei der Einfahrt ins Zimmer war der Druckschmerz plötzlich komplett weg. Und zwar exakt in dem Moment, in dem sich mein Blick mit dem Blick des bereits anwesenden Patienten, also Patient 1, kreuzte.

Auch wenn ich es noch nie erlebt habe und hoffentlich nie erleben werde: So muss es sich anfühlen, wenn ein neuer Insasse in einer Justizvollzugsanstalt die Zelle betritt.
„Ich war zuerst da. Das Bett am Fenster ist meins. Ich geh morgens zuerst ins Bad. Und den Nachtisch nehm ich dir auch weg.“

Patient 1 saß – im Gegensatz zu mir – vollständig bekleidet auf der Bettkante. Trainingsanzug, Turnschuhe der Marke Skechers (das erste Mal, dass ich jemanden mit solchen Schuhen sah; ich war bisher überzeugt, dass die niemand kauft). Bis auf den Nachtisch war ich einverstanden. Vor allem, weil ich mein OP-Kostüm bald gegen normale Unterwäsche tauschen durfte.

Die nette Dame aus dem OP, die auch den Transport aus dem Keller übernommen hatte, verabschiedete sich mit lieben Zukunftswünschen und dem Hinweis, dass der Urinservice ab sofort Sache des Stationspersonals sei. Ganz mein Humor. Wir lachten beide herzlich, sie ging – und ich war mit Patient 1 allein.

Aus den Augenwinkeln merkte ich bald: Mein erster Eindruck hatte getäuscht. Eigentlich ein zurückhaltender, älterer Herr, dem offenbar irgendetwas wehtat. Bevor ich mich zu Smalltalk überwinden konnte, kam der Stationsoberarzt zur Visite. Ein kurzes Nicken in meine Richtung – „Zu Ihnen komme ich später“ – und dann volle Aufmerksamkeit für Patient 1.

Und in diesem Moment waren alle meine Qualen vergessen.

Denn Patient 1 war offensichtlich jemand, der gerne krank gewesen wäre, bei dem aber leider – oder zum Glück – rein gar nichts festzustellen war.
Jeden Satz des Arztes, der erklärte, dass das MRT keinerlei Abnützungen zeigte, die Muskulatur hervorragend sei, Sehnen, Knorpel, Blutgefäße, Blutdruck – alles für das Alter in Topzustand –, beantwortete Patient 1 mit einem tiefen, fast schon jämmerlichen Seufzer:
„Sind Sie sich ganz sicher, Herr Primarius …?“

Gut, wenn das Gehirn funktioniert. In meinem liefen im Sekundentakt Hypothesen durch:
Er hat Maler zuhause und mag den Dreck nicht.
Es ist Monatsende und der Kühlschrank ist leer.
Verwandte haben sich angekündigt.
Er ist Opfer häuslicher Gewalt.
Er lebt allein und braucht Ansprache.
Er ist der Einzige im Pensionistenclub, der nichts hat.

Ich bemerkte gar nicht, dass der Primarius und Patient 1 mich ansprachen:
„Schön, dass es Ihnen wieder so gut geht – aber warum lachen Sie?“

Zu tief war ich in meinem Kopfkino versunken. Von Messi-Wohnung mit wirklich böser Frau bis zum leeren Kühlschrank in einer kalten Wohnung – Bild über Bild.

Mit leisem, ebenso jämmerlichem Stammeln erklärte ich, dass ich ungewollt Teil der Besprechung geworden sei und gerade darüber nachdachte, wie schön es doch sei, in diesem Alter noch so gesund zu sein. Beim Primarius funktionierte das. Bei Patient 1 erntete ich lediglich Kopfschütteln.

Rund eine Stunde später – Patient 1 hatte noch gemütlich das Abendessen eingenommen – tauschte er mit ein paar Seufzern den Trainingsanzug gegen ein halbschickes Gwand, packte seine erstaunlich umfangreichen Koffer und verabschiedete sich mit den Worten:
„Übrigens, ich bin auch Jahrgang 1965. Ich wünsche Ihnen alles Gute – leider kann ich nicht länger bleiben.“

Sachen gibt’s. Die gibt’s gar nicht. Doch ich war froh das Zimmer alleine zu haben und dies sollte auch die nächsten zwei Nächte so bleiben.

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