…Ich blieb also liegen.
Nicht aus philosophischer Überzeugung, sondern aus medizinischer Notwendigkeit. Der Druckverband an meinem rechten Handgelenk war so fest angelegt, dass selbst der Biss einer grünen Mamba in dieser Hand keinerlei Einfluss mehr auf meine Gesundheit gehabt hätte. Zusätzlich lag ich unter einer blauen OP-Decke und fühlte mich – fachlich korrekt formuliert – ein bisserl müd.
Die netten Damen und Herren in Blau verstellten routiniert meine Liegeposition und bedeckten mich mit einer weiteren Decke. Sie schenkten mir damit Wärme und Würde. Zwei W’s, die nach einer Operation grundsätzlich zu den überlebenswichtigen Dingen zählen.
Kurz darauf erreichten mich Informationen, die mich dann doch überraschten.
Aus „noch eine halbe Stunde Aufwachraum, dann ins Zimmer und morgen nach der Visite nach Hause“ wurde:
„Vier Stunden Aufwachraum, rechter Arm bleibt ruhig – und zwei Nächte Klinik.“
Was einem als gelernter und fürsorglicher Ehemann in so einem Moment durch den Kopf geht?
Nein, nicht der frische Schlüpfer.
Sondern: FUCK.
Ich hatte beim Check-in kein Telefon- oder Infopasswort vereinbart. Wer rechnet schon damit, dass aus zweimal einer halben Stunde plötzlich fünfeinhalb werden?
Statt also der besten Ehefrau von allen schon um 11 Uhr Entwarnung geben zu können, wäre das frühestens gegen 17 Uhr möglich gewesen. Der kleine Mann im Ohr meldete zuverlässig: Ärger droht.
Gedanken dürfen kommen. Gedanken dürfen aber auch wieder gehen.
Erst einmal schlafen.
Dann kam die nette Dame aus dem OP.
„Wir bleiben jetzt also doch noch ein bisserl länger liegen“, sagte sie, stellte mir ein Wasser hin und fügte hinzu: „Bitte bewegen Sie sich so wenig wie möglich.“
Sie beugte sich zu mir und hauchte fast zärtlich:
„Scheuen Sie sich nicht, mir zu sagen, wenn Sie Wasser lassen müssen. Ich helfe Ihnen. Da brauchen Sie sich nicht zu genieren.“
Gedanken kommen. Gedanken gehen wieder.
Im Aufwachzimmer entstand später leichte Unruhe. Die Menschen links und rechts von mir rührten sich nicht. Aufgrund ihres Zustands hoffe ich bis heute, dass sie es irgendwann wieder getan haben. Andere hoben leicht die Köpfe, als dieselbe nette Dame – diesmal bewaffnet mit einem Telefon – an mein Bett trat und mir mit leicht säuerlichem Blick mitteilte, dass die beste Ehefrau von allen am anderen Ende der Leitung sei.
Da es sich um ein Mobiltelefon handelte, bin ich mir nicht sicher, ob diese Redewendung nicht eine kulturell-technische Aneignung ist. Egal. Ich konnte melden, dass es mir gut geht, ich mein Telefon nicht im OP gehabt hatte und sie vermutlich genug zu tun hätte. Das Gespräch endete so rasch, wie es begonnen hatte.
Die Aufregung sorgte allerdings dafür, dass ich die nette Dame kurz darauf um die Urinflasche und tatkräftige Unterstützung bitten musste. Einige Köpfe im Nahbereich des Todes bewegten sich erneut.
Beim Abservieren der Flasche beugte sie sich noch einmal zu mir.
„Danke, dass Sie so gut mitgemacht haben. Wären Sie nicht so ruhig geblieben, hätten wir abbrechen und Sie zu den Chirurgen ins LKH bringen müssen. Wie haben Sie das geschafft?“
Stolz ist eine Eigenschaft, die ich an mir eigentlich nicht mag. In diesem Moment war er da. Ein Meditationskurs, vor langer Zeit und in schwerer Not besucht, hatte mir eine größere Operation erspart.
Viel Zeit zum Feiern blieb nicht. Der Operateur erschien, teilte sachlich mit, dass der Eingriff gut verlaufen sei, und schlug vor, entgegen der ersten Einschätzung eine Nacht strikt liegend zu bleiben – plus einen weiteren Tag Krankenhaus.
Ich war in allen Punkten einverstanden. Er verschwand Richtung nächster Verdrahtung.
Ich blieb noch zwei Stunden, genoss ein letztes Mal den Urinservice und wurde am frühen Abend ins Krankenzimmer gebracht. Dort wartete mein neuer Zimmergenosse bereits neugierig darauf, wer mit ihm die Nacht verbringen würde.