Nicht immer ist schlecht gleich schlecht.
Manchmal stolpert man über ein Schlagloch – und landet am Ende doch auf einer besseren Straße. Oder man fällt hin, damit man nicht geradeaus in die nächste Katastrophe rennt.
Mit 60 freiwillig aus dem Berufsleben ausscheiden? Eher nein.
Ein halbwegs ambitionierter Babyboomer freut sich ungefähr so sehr darüber wie über einen Zahnarzttermin ohne Betäubung. Wenn der Plan nicht aufgeht, ist das erst mal… sagen wir: ausbaufähig.
Aber Zeit zu gewinnen heißt auch: endlich Dinge erledigen, die man jahrelang elegant ignoriert hat. Und davon hatte ich eine ganze To-do-Liste. Ein nicht unwesentlicher Teil trug die Überschrift: Ärzte, Vorsorge, Diagnostik – der ganze Spaß.
Auch wenn Politik, Religion und Gesundheit offiziell nicht smalltalktauglich sind, erlaube ich mir trotzdem zwei Hinweise:
Religion lassen wir heute weg.
Politisch empfehle ich jedem, sich mit vergangenen und aktuellen US-Präsidentschaften zu beschäftigen – und mit dem eigenen Verhalten alles zu tun, um einem als Meerschweinchen verkleideten Monster nicht auch noch die Karotte zu reichen.
Zurück zur Gesundheit.
Zu meinen Vorsorgeuntersuchungen.
Und zu deren Folgen, die Teil dieser neuen kleinen Geschichtereihe werden. Aktueller Schwerpunkt: Herz ❤️
Vorgeschichte
Wenn die beste Ehefrau von allen träumt, kann das Nebenwirkungen haben.
Vor einiger Zeit träumte sie, einer unserer lieben Freunde hätte einen Herzinfarkt. Ohne jede Diskussion – Diskussionen sind im Traum wie auch im echten Leben zwecklos – musste der arme Mann sofort eine Untersuchung versprechen und umgehend Bericht erstatten.
Ergebnis:
„Alles in Ordnung. Sehr netter Internist. Kann ich nur empfehlen.“
Wenige Augenblicke später war ich stolzer Besitzer eines Termins bei exakt diesem Internisten. Empfehlungen werden in dem besten Haushalt von allen nämlich ernst genommen.
Ein Termin, ein Herz-CT und die Erkenntnis später war klar, dass mein von Joe Camel, James Marlboro und rund 40 Jahren Stress gezeichnetes Herz doch etwas genauer angeschaut werden sollte – idealerweise mit einem Herzkatheter.
Und so begann mein neuer Lebensabschnitt:
Herzpatient – Teil 1 – Zu früh gefreut

Der Schwabe lässt sich nicht ins Bockshorn jagen. Und wenn eine Party – in dem Fall die Party meines Lebens – gratis ist, dann gehe ich nicht einfach früher. Ich bleibe. Notfalls auch angeschlossen an Monitore.
Stents im Herzen gelten als Routine. Sagen sie. Vorher und nachher. Besonders jene Hobbykardiologen, die ihr medizinisches Wissen aus YouTube, vom Stammtisch und aus der rektalen Messung der Körpertemperatur beziehen. Menschen, denen noch nie über das rechte Handgelenk ein gut ein Meter langer Draht ins Herz geschoben wurde, um dort den menschlichen Maschinenraum neu zu möblieren.
„Das ist heute ein Klacks“,sagen sie dir. „Das macht inzwischen jeder Fußpfleger. Mit Dremel und Endoskoplampe. Viertelstunde, Kaffee oder Spritzwein danach, und ab nach Hause.“
So klang die Herzkatheteruntersuchung, bevor sie begann.
Der tatsächliche Ablauf begann auch ganz entspannt mit der Rasur der Handgelenke und des seitlichen Schambereichs – „man weiß ja nie, vielleicht muss es ja schnell gehen und wir müssen in die Leiste“ ein kurzes Lächeln des Operateurs gefolgt von den Worten „na dann schauen wir uns mal Ihr Herz genauer an. Entspannen Sie sich“
Nach etwa zwanzig Minuten merkte ich: Wir sind nicht mehr im Standard Prozedere. Diese Eingriffe laufen bei Bewusstsein, mit lokaler Betäubung am Handgelenk – der Rest von mir war voll im Dienst. Ich war noch entspannt, bereit für einen Schmäh und fragte, ob eh alles da sei.
Dann hörte ich Zahlen einige Zahlen , Fragen, Fesstellungen:
„35er … 3er … oder doch zwei 30er zweineinhalber…Haben wir auch einen Vierer?
„Adrenalin er wird sicher Adrenalin brauchen 25 oder 30 besser gleich 40, ja Adrenalin.“
„Puls stabil, aber er soll ruhig bleiben.“
Und dann die beruhigendste Frage der modernen Medizin:
„Alles in Ordnung bei Ihnen, Herr Maurer?“
Man liegt nackt unter einem Tuch, jemand zerrt an der Hand, irgendwo wandert ein Draht Richtung Herz, Monitore piepsen, Linien tanzen. Es sieht aus wie Grey’s Anatomy, kurz bevor jemand „Wir verlieren ihn!“ ruft – nur ohne Werbung dazwischen.
„Na klar, Doc. Hoffe, bei Ihnen auch. Nehmen Sie sich Zeit!“
Das wollte ich sagen. Heraus kam eine Mischung aus Ja und einer defektem Radlpumpe.
Da waren rund zwanzig Minuten vergangen. Laut OP-Bericht dauerte die Aktion eine Stunde und zwanzig Minuten, und nein, Ich hatte nichts verschlafen – wir gingen schlicht in die Verlängerung. Nach regulärer Spielzeit Unentschieden. Overtime. In manchen Sportarten nennt man das „Sudden Death“. Ich bevorzugte innerlich „Golden Goal“, auch wenn meine zukünftigen Tore aus Silber waren.
In der ersten Viertelstunde der Overtime dachte ich noch halbwegs geordnet. Dann ließ die Betäubung am Handgelenk nach. Der Druck im Oberkörper nahm im Zehn-Sekunden-Takt zu, und mein Gehirn startete ein Best-of meiner größten Lebensfragen:
Warum hast du kein Testament gemacht?
Die Mädchen sind eigentlich zu jung für „Vaterlos“.
Scheiße, das tut weh.
Kein anderer Mann verdient die beste Ehefrau von Allen – außer vielleicht „A“ oder „B“.
Nein A geht nicht und B will ich nicht.
Verdammte Scheiße, das tut immer mehr weh.
Hör auf zu fluchen, sonst wird das mit dem Himmel nix.
Kurz bevor ich geistig kündigte, erinnerte ich mich an ein früheres Meditationsseminar:
Atmen.
Nur atmen.
Gedanken kommen lassen. Gedanken gehen lassen.
Den Schmerz begrüßen – aber bitte nicht auf einen Kaffee einladen – und wieder ziehen lassen.
Atmen.
Atmen.
(„Fuck, tut mir die Hand weh.“)
Atmen.
Atmen.
Atmen.
Einige Hundert Atemzüge später. Mehrere unbeantwortete Fragen, wie es mir gehe und dass es eh gleich vorbei sei. 5 Stents und rund 20 Zentimeter Silber im Herzen. Wertanlage.
Dann das große Finale:
„So, jetzt haben wir’s. Gut haben Sie mitgemacht. War ein bisserl mehr als gedacht. Wir sehen uns dann oben im Zimmer.“
Ich blieb liegen.
War ja gratis.