40 years of a slave  – chapter II – 1986 bis 1989

Die ersten Schritte zum Operettenkünstler

Sommer 1986, die Ausbildung zum Bankkaufmann war Geschichte. Und trotz einiger Missverständnisse die es zwischen dem Leiter der Ausbildungsabteilung und meines Lebensstils gab wurde ich als festangestellter Mitarbeiter in den Sparkassendienst übernommen.


Mein Lebensstil war im Wesentlichen meinem Drang nach Selbständigkeit und Freiheit geschuldet. Wenn die erste eigene Wohnung nur rund 100 D-Mark weniger kostet als im Monat Ausbildungsentschädigung reinkommt, nach Abzug der Busfahrkarte und ein wenig Essen das Konto schon rot ist, braucht es Einnahmequellen.
Meine zusätzlichen Einnahmequellen waren kellnern bei allen möglichen und unmöglichen Gelegenheiten und den ganzen Samstag bei einer Gebäudereinigung Industrieanlagen säubern. Dass ich in dieser Zeit auch noch ein bisserl Handball gespielt habe. 2mal die Woche ins Training und Samstag oder Sonntags ein Spiel, war noch das i-Tüpferl auf mein Zeitmanagement. Klar, dass ich dann und wann ein wenig Ausgleich brauchte und auch klar, dass ich „hier und da“ ein „bisserl müd“ war. Aber es waren die 80iger und jeder war irgendwie immer ein wenig müd.
Wahrscheinlich war es aber genau diese doppelt und dreifach, positive, Belastung, die mich so programmiert hat wie ich nun seit fast 40 Jahren (meistens) funktioniere. Machen, nicht rumjammern, einfach machen.

Mein Markenzeichen in dieser Zeit war ein Hartschalenaktenkoffer in weinrot, mit dem ich eigentlich immer unterwegs war. Darin befanden sich weder wichtige Unterlagen oder Fachliteratur, nein, darin befand sich Wechselwäsche, eine Zahnbürste, ein frisches Hemd und ein wenig Duftwasser. Wenn mich meine langsam etwas müde werdenden Gehirnzellen nicht im Stich lassen war das „Azzaro -pour homme“.


Und ja, diese Utensilien waren ebenso regelmäßig in Verwendung wie der Waschraum frühmorgens in der Bankzentrale. Mit dem ersten Gehalt machte ich einen weiteren Schritt in die Unabhängigkeit. Einer meiner wirklichen Vorbilder in der Bank verkaufte mir sein Autoradio für 250 D-Mark; rundherum war ein Ford Fiesta mit Sonnenhebedach gebaut -weinrot, gleiche Farbe wie mein Akten(Hartschalen) Koffer – der nun mehr Freizeit hatte – dafür war der Fiesta viele Jahre und mit wenigen Ausnahmen richtig gut im Einsatz und brachte mich ins Leben.
Gearbeitet habe ich in dieser Zeit im Wesentlichen in Zweigstellen im ganzen Marktgebiet der Bank. Springer im Filialbetrieb, der Montag morgens seinen Einsatzort mitgeteilt bekam um dann für ein paar Tage der McGyver im jeweiligen Ort zu sein. Als notwendige Aushilfe in den meisten Fällen beliebt, ohne direkte Verantwortung und jeden Tag mit komplett fremden Menschen sowie deren Wünschen und Anforderungen konfrontiert. Das hat nicht nur richtig Spaß gemacht, sondern war auch eine sehr gute Schule in Rhetorik, schnellem Umstellen und Menschenkenntnis.


Spar- und Girokonten, Ein- und Auszahlungen sowie die Kassenführung (ohne Pistole, Geld immer im Safe und ohne groben Kassenfehlbetrag) gehörten zu meinem Arbeitsleben wie Kleinkredite und Kontoüberziehungen. Bankgeschäft an der Basis, direkt für Kunden und ohne jeden Provisions- oder Produktdruck. Die meisten meiner Kunden lebten in einer Mietwohnung und Altersvorsorge war ein zu einem Gutteil durch den Staat geförderten Sparvertrag – Vermögenswirksame Leistungen genannt. Konsumkredite waren damals eher die Ausnahme, Leasing etwas für Unternehmen.

Spannende Wochen erlebte ich in der Verwertungsabteilung. Detektivarbeit um den säumigen Kreditnehmer frühmorgens abzupassen um aus dem Haushalt den Fernseher oder die Stereoanlage als Pfand zu übernehmen. Eine gewisse Grobheit und der eine oder andere Restalkohol machten es notwendig bei diesen Einsätzen immer zu zweit und mit Lederjacke aufzutreten. Zusätzlich waren meine spitzen Cowboystiefel in diesen Momenten gern gesehen Gäste.

Einmal habe ich in dieser Zeitbewusst gegen mein abgegebenes Gelöbnis „Bewahrung von Geheimnissen“ verstoßen. Nicht zu meinem Vorteil und schon gar nicht um jemanden zu schaden. Der Vater von einem meiner Schulfreunde stand eines Tages bei mir am Schalter. Kein Kunde dieser Bank, aber ein Vater mit der Sorge um seinen Sohn und dessen schlechtem Umgang mit Geld bat mich ihm die Höhe der Verbindlichkeiten mitzuteilen. Und ja, zuerst gewann mein gegebenes Versprechen und nein, es dauerte nicht lange und ich schrieb fünf nahezu beliebige Zahlen auf ein Stück Papier um dann ein dringendes Telefonat führen zu müssen. Als ich zuück kam war der Herr und der Zettel weg. Ein paar Tage später ein Konto ausgeglichen und ein junger Mann sowie ein junger Bankangestellter richtig zufrieden.

Gegenüber der Sparkassenzentrale befand sich damals übrigens eine Filiale der Deutsche Bank AG. Die Damen und Herren Angestellten dieser damals sehr feinen Institution unterschieden sich optisch sehr deutlich von uns. Dunkelblau oder sonst gedeckt gekleidet, Haarschnitt vom feinen Friseur und ordentliche Schuhe im Vergleich zu sportlichen Kombinationen und offenen Haaren. Und wenn ich es damals genauso wenig zugeben konnte wie die Tatsache dass ich den FC Bayern favorisiere, hat mir das Auftreten dieser „Schnösel(innen)“ schon recht gut gefallen. Aber Teil dieser Eitelkeit zu werden dauerte noch und hatte einen Ortswechsel benötigt.


Vorerst gefiel ich mir aber in der Rolle des Sparschweinderls und zwar exakt so lange bis mein Einberufungsbefehl in den Krieg kam. 15 Monate Wehrdienst. 15 Monate von 40 Berufsjahren. Was sich relativ wenig anhört war in jedem Fall und selbst mit der Milde von einigen Jahrzehnten, die an Unsinn und Langeweile durch nichts zu überbietende Zeit.
Eine Reduktion der monatlichen Einkünfte auf das Niveau UNTER der Lehrlingsentschädigung des ersten Lehrjahrs (ich denke es waren keine 300 D-Mark) reduzierte meine liebgewonnene Freiheit sowie, damals schon, mein Vertrauen in eine mögliche Landesverteidigung.

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