Ein paar Klekse auf eine schwarze Leinwand zaubern, vielleicht einige geometrische Figuren hinzufügen, das ganze auf den Kopf gestellt und mit gelb übermalt, von hinten. So oder so ähnlich war meine Erwartung an meinen nächsten Auftrag für das Bilder Experiment.
Falsch erwartet, es kam ganz anders:
„Lies das Buch – Die Rede an den kleinen Mann von Wilhelm Reich – such Dir eine für Dich spannende Textstelle und bring sie auf die Leinwand. So ungefähr 200 Zeichen können es schon sein“.
Diesen Auftrag habe ich am späteren Sonntag Nachmittag, dem Tag der Erstkommunion meiner großen Tochter, ausgefasst. Klar war ich zu dieser Zeit aufgrund der Emotionen und des guten Weins schon ein wenig benommen, doch selbst nüchtern wie ein Stein hätte mir weder das Buch noch der Autor irgendwas gesagt.
Hier das Ergebnis meiner Internet Recherche:
Wilhelm Reich
(* 24. März 1897 in Dobzau, Galizien, Österreich-Ungarn; † 3. November 1957 in Lewisburg, Pennsylvania, USA) war ein österreichisch-US-amerikanischer Arzt, Psychiater, Psychoanalytiker, Sexualforscher und Soziologe. Reich fand Zusammenhänge zwischen psychischen und muskulären Panzerungen und entwickelte die Therapiemethode der Psychoanalyse zur Charakteranalyse und diese zur Vegetotherapie weiter. Letztere gilt als Grundlage für verschiedene später begründete Körperpsychotherapien.
Die Rede an den kleinen Mann ist weniger Wilhelm Reichs persönliche Abrechnung mit seinen Lebensumständen, sie ist vielmehr ein zeitlos-aktuelles Portrait des Durchschnittsmenschen mit all seinen Schwächen, Ängsten, versteckten und offen zur Schau getragenen Aggressionen. Mit schonungsloser Härte zeigt Wilhelm Reich die im Laufe der Menschheitsgeschichte immer wiederkehrenden gleichen Abläufe von Macht-, Gewalt- und Unterdrückungsmechanismen.
Reich beweist, dass die Menschheit aus der Geschichte lernen könnte, aber nicht lernen will. Und trotzdem stellt er als erfahrener und wissender Mensch das Prinzip Hoffnung an das Ende seines dramatischen Monologs, die Hoffnung nämlich, dass der Mensch, der kleine Mann, eines Tages noch etwas lernen wird.
Die Rede ist ein harter Brocken, schwer runterzuschlucken. Sie ist Anrede an den kleinen Mann in sich selbst und meint doch dich und mich, Männer und Frauen. Ein Schrei nach Zivilcourage, nach Mut, Verantwortung zu übernehmen. Sie weist nicht Schuld zu und deckt doch die alltägliche Heuchelei auf.
Wilhelm Reichs Rede an den kleinen Mann ist paradoxerweise nur mit der Kategorie von Größe zu fassen und wer das Verstehen noch nicht ganz verlernt hat, in dem wird Reichs Botschaft lange nachklingen.
Da das Experiment schon recht weit verbreitet ist, kann ich mich, trotz jahrzehntelanger Erfahrung, nicht mehr davon „schleichen“, also habe ich mir das Buch beim grinsenden Buchversandhandel bestellt – lesen werde ich das über die kommenden freien Tage sofern es mein körperlicher Zustand nach Abarbeitung der bereits definierten und noch kommenden Arbeitsaufträge zulässt.
