Der Schleicher – sneaky Joe

Nachdem ich es schon ein paar Mal erwähnt habe, kommt hier die Erklärung was es mit der Aussage „Schleicher“ auf sich hat.
Nicht daß ich darauf besonders stolz bin oder mich dafür gräme, es ist halt einfach so.
Bekommen habe ich den Kosenamen schon vor vielen, vielen Jahren. In jedem Fall war die Mauer in Berlin noch im Ganzen und wenn überhaupt wurde nur im Verborgenen an deren Fall gearbeitet.
Da ich 1983 mit der Ausbildung zum Bankkaufmann begonnen habe, 1989 die Mauer fiel und ich im Jahr 1986 freundlich aber bestimmt zum deutschen Grundwehrdienst eingeladen war, denke ich es war 1984 oder 1985 als ich den Titel Schleicher verliehen bekam.
Zuerst wurde in der Bank behauptet, daß man mir beim Quern der großen Kassenhallen einen Schuh stehlen und wieder zurückgeben könnte, ohne dass ich das bemerken würde, und, in diesen Jahren unternahm ich die ersten Versuche das elterliche Nest zu verlassen. Eine liebe Freundin und Arbeitskollegin hatte ein Einsehen mit meinem Wunsch, der in großem Gegensatz zu meiner Lehrlingsvergütung stand, und nahm mich in ihrem elterlichen Haus auf.
Eine durchaus eher unangenehme Situation. Der Vater ein freundlicher aber sehr bestimmender Mann, die Mutter eine lebenslustige und offenherzige Dame, die Schwester spätpubertiernd und meine Arbeitskollegin, die immer am Rand der Verzweiflung ob Ihres Aussehens war. Ziemlich laut die ganze Sippe.
Ein großes Haus mit einigenverwinkelten Gängen und Zimmern, dazu immer wieder visuelle Überraschungen. Ich verhielt mich so wie ich dachte, daß Mann sich als Gast in einem fremden Haus verhalten sollte. Ruhig, nicht schmutzen und brav „Bitte und Danke“ sagen.
Am Anfang ging das auch ganz gut. Doch nach einigen Tagen wurde eine Art Familienrat einberufen in dem ich zur geräuschvollen Bewegung innerhalb und außerhalb der Wohnräume unmißverständlich aufgefordert wurde.
Zum Glück kam bald darauf die oben erwähnte Einberufung zum Militärdienst, die gleichzeitig meine Delogierung bedeutet: „Ich hatte schon mal einen Soldaten als Freund, das brauch ich nicht mehr“. Meine Versuche die Situation zu verändern waren sehr zaghaft, die Erlösung nicht mehr laut sein zu müssen stand weit über der Attraktivität der älteren Tochter des Hauses.
Dann konnte ich von April 1986 bis Februar 2018, immerhin fast 32 Jahre in alle Ruhe und Zufriedenheit schleichen. Langsames und ruhiges Gehen wird wahrscheinlich irgendwann einmal in das Lehrbuch fürs gesund alt werden aufgenommen werden (müssen).

Im Februar 2018 war ich schon ein paar Wochen zuhause. Der eine Arbeitsvertrag noch nicht offiziell beendet und somit der neue Arbeitsvertrag noch nicht gestartet. Garden leave wie die Amerikaner das nennen. Schade nur, dass in dieser Zeit der schönste Garten von Allen eher dem südpazifischen Eismeer als einer Oase der Gartenarbeit gleichte. Arbeit bekam ich trotzdem genug vermittelt. Mein Arbeitsmarktservice ist ein Arbeitsauftragservice – AAS statt AMS und ehrlich, die Frequenz der Meldezeiten beim AAS sind deutlich kürzer, die Besprechungen deutlich schärfer als es bei einer staatlichen Stelle jemals sein könnte.
Nach ein paar Wochen Arbeitslager (heute weiß ich daß die beste Ehefrau von Allen diese Zeit als Gefangenenlager bezeichnet) traf ich meinen lieben Freund und wir nahmen ein paar gemütsberuhigende Getränke zu uns.
Nach einiger Zeit der Stille – das gibt es nur wenn Männer sich zum Trinken treffen – verplapperte sich mein Gegenüber…
„Übrigens die Renci ist auch ganz froh wenn Du endlich wieder zum arbeiten wegfährst und nicht mehr durchs Haus schleichst“
Aufgrund meiner langjährigen Erfahrung im „ruhig durchs Haus gehen“ ist es mir wohl gelungen mehrfach meine Position in Zimmern, Etagen, Außen- und Innenbereichen so gechickt, fast schon einem Geist gleich, zu verändern, daß die beste Ehefrau von Allen dachte ich bin ein Geist. „Das ist total spooky, auf einmal kommt der Schleicher aus einer ganz anderen Ecke wieder raus – ich schreck mich fast zu Tode“
In den wenigen Tagen bis zum Beginn meiner neuen beruflichen Wanderschaft wurde und auch heute wird noch gerne über den Schleicher gelacht.
Ich trage es mit Stolz,  der Schleicher oder sneaky Piefke, mir egal, den Kosenamen habe ich mir über viele Jahre redlich verdient.

GlöckchenÜbrigens, kurz nach Ostern habe ich von einem der köstlichen Lindt Schokohasen das Glöckchen am roten Band verliehen bekommen. Nicht damit ich es trage um meine Mädchen vor zu warnen, nein, die Aufgabe ist es trotz Glöckchen durchs Haus zu schleichen.

Wer solche Freunde hat, braucht nichts mehr fürchten.

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