Im Moment lebt die beste Familie von Allen so zusammen wie es in unserem Kulturkreis, seit der Zeit der Höhlenmenschen normal ist. Alle unter einem Dach und das 7 Tage die Woche. Eine für uns ungewöhnliche Situation. Mit Ausnahme der ersten 3 Lebensjahre unserer Mädchen hatten wir immer eine Beziehung über ein paar hundert Kilometer geführt. Glaubt man glücklichen Paaren, so ist die Wochenendbeziehung eine der wenigen Lebensformen die über einen längeren Zeitraum, Glück und Interesse am eigenen Partner bietet. War es in den ersten Jahren unserer Ehe, die beste Ehefrau von allen, die sich am Balkan herumtrieb, bin es nun ich, der Montags abhaut.
Aufgrund meiner beruflichen Veränderung darf ich aber noch ein paar Wochen zuhause sein. Was auf den ersten Blick der Wunsch von vielen Berufstätigen ist, birgt aber auch einige Tücken.
Selbstverständlich erhalte ich in regelmässigen, einigermaßen kurzen, Abständen, eine Liste mit den Dingen die ich sehr dringend und gewissenhaft abzuarbeiten habe. Die Standardaufgaben wie Staub saugen (mindestens 2mal täglich), Wäsche bügeln (täglich), Geschirrspüler ausräumen (täglich), Müll trennen und entfernen sowie Staub wischen (zu jeder Zeit) habe ich bereits mittels Chip im Frontallappen eingebrannt bekommen.
Sonderaufträge erhalte ich wie bereits erwähnt mittels schriftlichem Projektauftrag. Froh bin ich, dass wir auf Familienmitglied 5, eine Dame namens Alexa, bisher verzichtet haben, denn auch eine Video- und Tonüberwachung meiner freien Zeit halte ich für nicht ganz unrealistisch.
Immerhin hat am Anfang dieser Woche wieder eine gewisse Freiheit eingesetzt, denn die Mädchen müssen wieder in die Schule und der Weihnachtsurlaub der besten Ehefrau von Allen hatte ein Ende.
Durchatmen. Zumindest im Kopf.
Das gemeinsame Leben bietet natürlich auch sehr viele Vorteile, sie fallen mir zwar gerade nicht ein, ich spüre sie aber mit jeder Faser meines Körpers. Eventuell ist das aber auch nur Muskelkater.
Einige fast schon vergessene Momente habe ich den letzten Tagen erlebt.
Gemeinsam am Montag Abend das Hauptabendprogramm ansehen. Zur Auswahl steht ein Krimi im ZDF, eine Doku über das Balzverhalten der Kohlmeisen auf ARTE (französisch mit deutschem Untertitel), eine von 3.528 Talkshows, ein Bauer der eine Frau sucht – sich aber für die Kuh entscheidet und ORF 1 – Vorstadtweiber…
…und das war „unsere Wahl“.
Ein wenig überzogen, die Serie aber durchaus unterhaltsam durch die Werbepause. Ein auf das Zielpublikum abgestimmtes Angebot an Produkten. Damenbinden und Tampons die Frau wirklich 30 Tage im Monat tragen möchte, Cremes, die durch das einmalige Auftragen jung, hübsch und begehrenswert machen. Autos die aussehen wie ein Beauty-Case und Essen von dem Frau an den richtigen Stellen zu – und abnimmt.
Wenn ich die Zielgruppe wäre würde ich mich wundern.
Dass ich zur Zielgruppe „alter Mann“ gehöre habe ich am folgenden Tag erfahren. Beim ungewohnten aber entspannenden Weg zum Postkasten bekomme ich ausreichend Sauerstoff und spannende Lektüre. Möbelgeschäfte die ihre Produkte so stark reduzieren, dass sie große Häuser in bester Lage verkaufen müssen, Elektronikmärkte die bereits mehr Kreditgeschäft machen wie jede mittlere Geschäftsbank in Österreich und Lebensmittelhändler die Dreck zu Geld machen. Alles nichts Neues, doch dann fand ich ein Gutscheinheft der Firma Business Data Consulting. Ein Moment an dem ich froh war keinen „Bitte keine Werbung“ Aufkleber am Postkasten zu haben.
Wurde ich bisher nur mittels online Werbung als Zielgruppe angesprochen schaffen es diese Jungs und Mädels das per Postwurfsendung. 
Eine gratis Kreditkarte, ein Ferienkatalog für den älteren Reisenden, hochdosierte Wirkstoffkosmetik ohne kritische Inhaltsstoffe war der lockere Beginn der sich über die Bestattungsvorsorge Versicherung, der Ehrenmünze für den ersten minderjährigen Kanzler, eine sensationelle Potenz-Kur (100% diskret und kein Apothekenbesuch), dem „lass uns unartig sein“ Gutschein bis zur Harnverlust Einlage für den älteren Mann („Lassen Sie sich nicht von Ihrer Blase kontrollieren – Einlagen und Parts in verschiedenen Größen und Saugstärken“) aufbaute.
Endlich! Wenn in ein paar Wochen wieder Champions League ist, tanzen in der Halbzeitpause zwei graumellierte Junggebliebene um Ihr Porsche Cabriolet lächeln sich an und singen dabei das Lied:
„Da kannste schütteln und klopfen, in die Hose geht immer ein Tropfen“
Jippieh, Jippieh, Jippieh.
Übrigens…Die beste Ehefrau von Allen freut sich schon auf den Wiederbeginn der Fernbeziehung – ich natürlich nicht.