Volle Pulle schlendern…

Vor vielen Jahren hatte ich die beste Assistentin von Allen. Wann immer etwas mehr Arbeit auftauchte, ein Kollege oder eine Kollegin über zu viel Arbeit klagte, Termine kollidierten oder sonst irgendein Problem auftauchte sagte sie, ohne den Kopf oder die Stimme zu heben „Musst halt ein bisserl schneller greifen…“ oder „greif ich halt ein bisserl schneller“.
Was für eine gute (leider immer seltener werdende Eigenschaft), vorausgesetzt „man“ nützt so eine Perle nicht aus und schickt sie in die Überlastungspause.
Ich erinnere mich zwar immer wieder gerne an die Dame und an Ihre Worte, gedanklich stecken geblieben bin ich aber als ich über einen Artikel stolperte der die Überschrift
„Slowness wird der Trend der Zukunft – in allen Bereichen, auch in der Wirtschaft“ trägt.
Der Inhalt des Artikels trifft meine Einstellung auf den Punkt:
Unsere Welt und damit meine ich diesmal unsere persönlichen Lebensumstände und unsere Rollen (Arbeitsleben, Konsum, Medien, Freundschaften, Partnerschaft) haben sich dramatisch verändert. Aus meiner Beobachtung begann der Wandel mit 2 Wörtern, die Ende der neunziger Jahre in mein Leben traten: Shareholder Value und Globalisierung. Den ersten Vortrag zum Thema Shareholder Value hörte ich von meinem damaligen Chef. Sehr beeindruckend und spannend – weniger spannend unser Gespräch am nächsten Tag. Denn um den Shareholder Value sicher zu stellen hat er mir meine bereits anspruchsvollen Ziele noch um die persönliche Freude der Aktionäre erhöht. Allerdings wurde mir bei Erfüllung der neuen Ziele eine gewisse, durchaus erfreuliche, Partizipation am Erfolg versprochen.
Millionen solcher Gespräche sind in dieser Zeit in vielen Branchen und mit unterschiedlichen Funktionen weltweit geführt worden. In meiner Branche führte das dazu, dass der Beruf des Anlageberater (das war meine erste Berufsbezeichnung) sich immer mehr in ein Marketing- und Vertriebskonzept verwandelte. Und auf ein Mal öffneten sich für viele Führungskräfte die „legale“ Ponzi Welt.
Ponzi
Ponzi wanderte im November 1903 mit 2,50 Dollar in die USA ein. Nach wenig erfolgreichen Tätigkeiten begann er als Anlageberater zu arbeiten. Ponzi versprach 50 % Rendite in 45 Tagen oder die Verdoppelung des angelegten Geldes in 90 Tagen. Weil das Geschäft so blendend lief – er zahlte, wenn jemand seinen Gewinn sehen wollte –, forderten die vertrauensseligen Kunden ihre Einkünfte nicht ein und ließen ihre „Gewinne“ wieder reinvestieren. Viele Menschen verpfändeten ihr Haus und ihre Habseligkeiten, um nach der Ponzi-Methode reich zu werden.In wenigen Monaten des Jahres 1920 vergrößerte Ponzi sein Vermögen von wenigen Tausend Dollar auf Millionen. Das Geld wurde in Schubladen, in Papierkörben und auf dem Boden gelagert und gestapelt. Als aber ein Möbelhändler bei Ponzi erfolglos Geld einforderte, wurden die Medien auf seinen Reichtum aufmerksam. Die Kunden verlangten ihr Geld zurück und Ponzi befriedigte ihre Forderungen. Doch die Investoren waren beunruhigt. Als das Finanzamt schließlich sein Vermögen unter die Lupe nahm, fand man in seinem Besitz nur wenige Antwortscheine. Man errechnete, dass er für das eingenommene Geld 160 Millionen derartiger Scheine hätte kaufen müssen – doch im Umlauf waren zu dieser Zeit nur 27.000. Als die Presse von seinen Vorstrafen berichtete, erkannten die Anleger den Betrug und verlangten ihr Geld zurück. Insgesamt waren Ponzi 15 Millionen Dollar von rund 40.000 Kunden anvertraut worden; bei der Durchsuchung seiner Büros wurden nur 1,5 Millionen sicher gestellt.

Die Führungskräfte der Finanzindustrie machten es ähnlich. Ganz oben sitzend gaben die Damen und Herren neue, an den Interessen der Aktionäre ausgerichtete, Ziele für Neugeschäft und Erträge aus. Innovative Produkte und Kommissionen mussten eingeführt und auf breiter Ebene vertrieben werden.
Die Ergebnisse stiegen und alle waren ob der zusätzlichen, persönlichen Einkünfte glücklich. Weil das System „Shareholder Value“ von einem dauerhaften, also jährlichen, Anstieg der Erträge ausgeht, war es relativ schnell vorbei mit dem Glück. Immer innovativere Menschen verkauften immer komplexere Produkte mit immer höheren Kosten. Das vorübergehende Ende sah man 2008.
Transparent, versteckt, einmal, jährlich, legal, illegal, scheißegal.
Wie bei einem Pyramidensystem beruht das Prinzip der Bonifikation von Vertriebsmitarbeitern darauf, dass die Unternehmung bzw. der Mensch an der obersten Stelle bereit ist den Mitarbeitern einen Teil des Mehrertrag abzugeben um den Inhabern/Aktionären noch mehr Ertrag zu bringen.

Pyramide
Viele Unternehmungen haben sich das Prinzip des Shareholder Value – Gier frisst Hirn –
zu Nutze gemacht und feste Gehaltsbestandteile in variable, also ergebnisorientierte, Gehaltsbestandteile umgewandelt. Natürlich nur zum Nutzen der Kunden und ausschließlich unter der (Marketing) Botschaft „unabhängige Beratung“
Angestellte die früher in ihrer Mietwohnung glücklich waren, einmal im Jahr nach Malle fuhren, das Auto, die Klamotten und den Lebensabschnittspartner alle 15 Jahre tauschten, kamen auf einmal in die Situation Wohnungen oder Hauser zu kaufen, Autos zu leasen und kurz gesagt den Konsumzyklus zu verringern. Dieser Spass führt gerne in gewisse finanzielle Abhängigkeiten und diese Abhängigkeiten führen dazu, dass sich die Position der Führungskraft verbessert und der Druck die Ziele zu erreichen um ein paar Pascal (ehemals ATÜ) zunimmt.
Und dieses wirtschaftliche System soll sich jetzt verlangsamen? Inhaber von Firmen, CEOs von Aktiengesellschaften, Aktionäre und Leiter von Vertriebseinheiten bekennen sich in Zukunft zur Verlangsamung der Wirtschaft. Termine, Verhandlungen, Besprechungen definieren sich nicht mehr nur durch Erfolg und Wachstum, sondern ebenso stark auf Gefühle, Herz und fairem Miteinander.
So sehr ich mir das wünsche und so sehr ich davon überzeugt bin, dass das leistungsbezogene System unsere Gesellschaft mittelfristig zum Zerbersten bringen wird, das werde ich nicht mehr erleben.
Alle beteiligten Personen müssten sich dazu durchringen auf hohe Gehälter und noch höhere Bonifikationen zu verzichten… sehr unwahrscheinlich, ganz besonders weil den Anstoss zum Verzicht diejenigen geben müssen die am meisten davon profitieren.
Das ist so als ob ich einen Fixer zum Gesundheitsminister berufen werde.

Deshalb: volle Konzentration auf die Wohlfühlbereiche die wir beeinflussen können. Essen, Trinken, Beziehung, Reisen, Wohnen und Gehen.
Tretet meinem Club der Schlenderer bei, keinen unnötigen, freiwilligen,  schnellen Schritt mehr.
Einziges Aufnahme- und Clubkriterium:
Wann immer es möglich ist, muss die Gehgeschwindigkeit so reduziert werden, dass sichSilber Silberfischchenunter den Füssen ansiedeln können.

 


 

 

 

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