Fortbewegung

Nach rund 70.000 km beruflichen Kilometern, mehrheitlich auf der A2 und dem Wiener Stadtgebiet,  kann ich ein erstes Fazit ziehen. 3 Mandaten wegen Geschwindigkeitsüberschreitung stehen viele Stunden erstklassiger Unterhaltung gegenüber. Dabei hilft mir „Apple Music“ und die Musikempfehlungen der besten Freunde von Allen ebenso gut die Zeit kurzweilig zu gestalten wie das Verhalten der anderen Verkehrtsteilnehmer. Waren es früher LKW Fahrer die mit einem Geschwindigkeitsüberschuß von 2 km/h abrupt den Überholvorgang eingeleitet haben, sind es heute die Smartphones die das Autofahren spannend machen. Es ist aber auch schwer die Spur zu halten wenn es gilt ein Gruppen „Whats App“ zu vertonen, den neuen Freund der besten Freundin bei „facebook zu twittern“ oder die Einkaufsliste auf „Buy Me a Pie“ zu aktualisieren. In meiner Jugend haben wir in Bezug auf Ablenkung auf die Kopfhaltung der Beifahrer(innen) geachtet, heute bedeutet vorausschauend zu fahren, den Kopf des Voran Fahrenden zu analysieren. Ist der Kopf des Fahrers im voranfahrenden Wagen in einer eher unnäturlichen, nach unten gerichteten, Haltung ist das gerne ein Zeichen für die Benutzung von Kommunikationsmitteln und gleichbedeutend mit einer signifikant hohen Gefahr eines ungewollten Spurwechsels. Das passiert auf meinen wöchentlichen Fahrten rund 5 mal pro Fahrt – Pkw, Lkw, (Klein) Bussse, Männer, Frauen, Helle, Dunkle, Junge, Alte,… – ganz egal, der Kontakt zur Außenwelt ist offensichtlich wichtiger als alles Andere. Weitr geht die wilde Reise…
Sobald sich die Fahrgeschwindigkeit am Weg nach Wien, meist rund um Leobersdorf, auf die höchst zulässige Geschwindikeit reduziert, beginnen dann die Eiligen ganz aufgeregt die Fahrbahnen zu wechseln. Dabei macht es Spaß sich ein oder zwei auffällige Autos zu merken um diese dann rund um den Knoten Vösendorf wieder ein- oder zu überholen. Es ist wie an der Supermarktkasse, in der Schlange mit den wenigsten Einkäufern ist immer einer dabei, der den Einkaufszettel vor dem Bezahlen auf Richtigkeit der angepriesenen Sonderangebote überprüft und dann auch noch das Kleingeld auf den Cent genau abzählt.
Zurück auf die Strasse finde ich ein Phänomen ganz besonders lustig. Es handelt sich um die Fahrer der nächsten Autogeneration, des Tesla Model S. Ein Auto, das in 2,7 Sekunden auf 100 Stundenkilometer beschleunigt, dynamischere Fahreigenschaften als die meisten Porsches hat und ganz sicher über 150.000 Euro kostet. Ein Sportwagen unter den Sportwagen, der Traum von Beschleunigung und Fahrspass, ausgestattet mit allen technischen Hilfsmitteln die Autofahrern so richtig Freude bereiten.
Diese Autos, eigentlich die Fahrer dieser Raketen, zeichnen sich dadurch aus, dass sie mit maximal 100 km/h, ganz rechts, gerne auch im Windschatten eines Klein LKW in Richtung innere Stadt rollen. Da lob ich mir meinen Freund, der mit seinem AMG Geländewagen mit 600 PS, einer Lautstärke eines Formel 1 Renners und einem Benzinverbrauch von durchschnittlich 16 Liter durch die Gegend heizt.
Endlich in der Stadt angekommen, erhöht sich die Freude der Fortbewegung beinahe exponential. Dass Radfahrer und Autofahrer, besonders in Wien nicht zusammenpassen ist nichts Neues. Wer schon einmal im abendlichen Stadtverkehr die Favoritenstrasse mit dem Wagen in Richtung Hauptbahnhof gefahren ist weiß was ich meine. Radfahrer die aus dem Sattel steigen und im Wiegetritt, wie die Tour de France Fahrer in den Alpen hochschaukeln gefährden teilweise die entgegenkommenden Fahrzeuge.
Aber selbst die angenehmste und meine favorisierte Art der Fortbewegung, das Schlendern, kommt immer mehr aus der Mode. Auf Skateboards, Longboards, Roller mit und ohne Elektroantrieb, Hooverboards und jetzt auch noch auf dem elektrischen Einrad machen sich optisch durchaus seriös wirkende Anzug und Kostumträger zu lustigen Zeitgenossen.
Mit dem Argument der eingesparten Zeit, verkleiden sich diese Zeitgenossen mit Helm und Schonern zu Gladiatoren, ausgestattet mit Fussgängervernichtungswaffen. Die vermeindlich eingesparte Zeit wird übrigens durch das Verstauen des Geräts im Auto, der Schmierung der Lager, dem Aufladen der Akkus, ganz besonders aber durch das Wiederhersellen der Kleidung und der Frisur im Büro locker wieder benötigt. Das ist der Trend unserer Zeit. Ständig erfinden wir etwas Neues, das wir nicht vermisst haben, uns keinen (deutlichen) Vorteil bringt, damit wir uns eine etwas ruhigere, weniger Stress und Komsum orientierte Zeit zurückwünschen können.

Heinrich Böll hat dieses Thema bereits 1963 in seiner Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral  zum Tag der Arbeit 1963 aufgenommen:

Ein Tourist weckt in einem Hafen an der Küste Westeuropas einen in seinem Boot schlafenden Fischer auf, als der Tourist Fotos macht. Nachdem er ihm eine Zigarette geschenkt hat, befragt er ihn zu seinen heutigen Fängen und erfährt, dass dieser bereits fertig gefischt hat und mit seinem Fang zufrieden ist. Der Tourist begreift nicht, wieso der Fischer nicht öfter ausfahren möchte, um finanziell aufzusteigen und erfolgreich Karriere zu machen, und schildert ihm enthusiastisch, was er durch mehr Arbeit alles erreichen könnte. Am Gipfel seiner Karriere angekommen, könne er sich dann zur Ruhe setzen und in Ruhe im Hafen dösen. Der Fischer erwidert, dass er das auch jetzt schon könne. Der Tourist begreift, dass nicht nur mehr arbeiten zum Glück führen kann.“

Elektro Sportwägen zum Schleichen, Scooter um schneller in die Arbeit und nach Hause zu kommen, Smartphones um die Welt zu unterhalten und dann 3 Wochen ins Kloster um zu sich selbst zu finden – Super Sache….

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Persönliche Anmerkung:
Da heutzutage jeder von uns in irgendeiner Form überwacht wird, gestehe ich hiermit, dass ich einen, mit Luftreifen,  ausgestatteten Roller besitze! Dieser dient ausschließlich zur Begleitung der besten Mädchen von Allen auf Ihren Roller Ausfahrten.

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